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Kuhn-Orgel im Mindener Dom – Klang, Raum und Technik im Dialog

Die Kuhn-Orgel im Mindener Dom wurde 1996 eingerichtet. Gefördert wurde das Instrument vom Dombau-Verein Minden (DVM). Foto: Christian Schwier
Die Kuhn-Orgel im Mindener Dom wurde 1996 eingerichtet. Gefördert wurde das Instrument vom Dombau-Verein Minden (DVM). Foto: Christian Schwier

Mit der Einweihung am 22. Dezember 1996 erhielt der Mindener Dom ein Instrument, das bis heute Maßstäbe setzt: Die Kuhn-Orgel der Schweizer Orgelbau Th. Kuhn AG feiert 2026 ihr 30-jähriges Jubiläum. Sie ist nicht nur ein herausragendes Werk zeitgenössischen Orgelbaus, sondern ein überzeugendes Beispiel dafür, wie Denkmalpflege, Architektur und musikalische Vision zu einer stimmigen Einheit finden können.

Von Beginn an stand ein sensibler Umgang mit dem historischen Raum im Mittelpunkt. Die sogenannte Kaiserloge im Westwerk – ein prägendes architektonisches Element des Doms – sollte durch die neue Orgel nicht verdeckt, sondern in ihren Umrissen erlebbar bleiben. Die Lösung war ebenso mutig wie elegant: Während das große Schwellwerk, das Großpedal und die drei markanten Chamade-Register in der Tiefe der Loge nahezu unsichtbar Platz fanden, wurden Hauptwerk, Oberwerk (Positiv) und Kleinpedal schlank vor die Arkaden gesetzt. Durch diese raffinierte Aufteilung konnte auf zusätzliche Stützen verzichtet und der Blick auf die drei Logenarkaden freigehalten werden. Der Gehäuseentwurf von Georg Weismann fügt sich so selbstverständlich in das Westwerk ein, dass Architektur und Instrument als Einheit wahrgenommen werden.

Kuhn-Orgel folgt einem klaren Konzept

Auch klanglich folgt die Kuhn-Orgel einem klaren, bis heute überzeugenden Konzept. Als raumfüllende, dreimanualige Orgel konzipiert, schlägt sie eine Brücke zwischen barocker Orgelliteratur und romantisch-sinfonischem Repertoire. Besonders bemerkenswert ist die bewusste Balance zwischen deutscher und französischer Romantik. Erstmals wurden Zungenregister beider Bauarten in einem Instrument kombiniert – mit hörbar großem Erfolg. Das Schwellwerk trägt dabei naturgemäß stärker französische Züge; hier sind auch die drei Chamaden spielbar, die dem Klangbild Glanz und Strahlkraft verleihen.

Als raumfüllende, dreimanualige Orgel konzipiert, schlägt sie eine Brücke zwischen barocker Orgelliteratur und romantisch-sinfonischem Repertoire. Foto: DVM
Als raumfüllende, dreimanualige Orgel konzipiert, schlägt sie eine Brücke zwischen barocker Orgelliteratur und romantisch-sinfonischem Repertoire. Foto: DVM

Die technische Umsetzung ist ebenso anspruchsvoll wie wegweisend. Die komplexen architektonischen Verhältnisse – insbesondere die zu überwindende Höhenstufe von 3,3 Metern zum Schwellwerk – stellten hohe Anforderungen an die mechanische Traktur. Dank ausgefeilter Konstruktion gelang es, alle Direkttrakturen rein mechanisch und außergewöhnlich präzise auszuführen. Für die Manualkoppeln entwickelte Kuhn eine technisch verfeinerte Barkermaschine, die eine spürbare Entlastung bietet und dennoch absolute Synchronität wahrt.

Der renommierte Organist und Komponist Jean Guillou brachte diese Qualität 1997 auf den Punkt: „Die Mechanik funktioniert mit einer für eine so große Orgel außergewöhnlichen Leichtigkeit und Präzision, ohne die sonst so unangenehme Verzögerung durch eine pneumatische Unterstützung.“

Zeitloses und vielseitiges Instrument

Drei Jahrzehnte nach ihrer Einweihung zeigt sich die Kuhn-Orgel im Mindener Dom als zeitloses Instrument: klanglich vielseitig, architektonisch respektvoll und technisch souverän. Sie prägt das musikalische Leben des Doms bis heute – und bleibt ein starkes Bekenntnis zur Qualität, zur Innovation und zur Verantwortung gegenüber einem einzigartigen historischen Raum.

Im Rahmen des Doppeljubiläums – 30 Jahre Kuhn-Orgel und 80 Jahre Dombau-Verein Minden – wird das Instrument durch eine Konzertreihe prominent in Szene gesetzt. Unter dem Schwerpunkt „Die (Ex-)Mindener Organisten“ sind Peter Wagner, Gereon Krahforst und Martin Schmeding zu Gast. Krahforst und Schmeding stehen dabei exemplarisch für die überregionale Ausstrahlung der Mindener Orgeltradition; ihre Programme stellen die stilistische Bandbreite der Kuhn-Orgel zwischen barocker Literatur und romantisch-sinfonischer Klangwelt heraus.

Minden Cathedral – zeitgemäßes digitales Format

Über die Konzertreihe hinaus begleitet der Dombau-Verein Minden das Orgeljubiläum mit einem zeitgemäßen digitalen Format: der Orgelvideoreihe „Minden Cathedral“. Mit dieser Reihe öffnet der Verein den Blick auf die Kuhn-Orgel im Mindener Dom weit über den Kirchenraum hinaus und macht Klang, Technik und Raum auch digital erlebbar.

Der Dombau-Verein Minden rückte mit der Videoreihe "Minden Cathedral" die Kuhn-Orgel in den digitalen Raum. Foto: DVM
Der Dombau-Verein Minden rückte mit der Videoreihe „Minden Cathedral“ die Kuhn-Orgel in den digitalen Raum. Foto: DVM

Die professionell produzierten Videos verbinden hochqualitative Tonaufnahmen mit eindrucksvollen Bildsequenzen aus dem Domraum, dem Westwerk und dem Orgelinneren. Im Mittelpunkt stehen nicht nur musikalische Interpretationen, sondern auch die besondere Architektur der Orgel, ihre Einbindung in die Kaiserloge sowie die klanglichen Möglichkeiten des Instruments. Nahaufnahmen von Pfeifen, Spieltisch und Mechanik ermöglichen Perspektiven, die dem Publikum sonst verborgen bleiben.

„Minden Cathedral“ versteht sich bewusst als Vermittlungsformat zwischen Denkmal, Musik und Öffentlichkeit. Die Videoreihe richtet sich an Orgelbegeisterte ebenso wie an kulturinteressierte Laien, an Menschen vor Ort wie an ein internationales Publikum. Sie unterstreicht den Anspruch des Dombau-Vereins, den Mindener Dom als lebendigen Kulturraum zu präsentieren und traditionelle Kirchenmusik mit zeitgemäßen Medienformaten zu verbinden.

Im Zusammenspiel mit den Jubiläumskonzerten wird deutlich: Die Kuhn-Orgel ist nicht nur ein herausragendes Instrument des Jahres 1996, sondern ein klingendes Zentrum, das auch 30 Jahre später neue Wege der Wahrnehmung, Vermittlung und Begeisterung eröffnet.

© Text: Hans-Jürgen Amtage


Die Kuhn-Orgel des Mindener Doms auf YouTube