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Goldene Tafel

Die Goldene Tafel kehrte als Replik 2002 in den Dom zu Minden zurück. Das Foto zeigt den Flügelaltar mit dem neuen Unterbau und der Reliquie der Heiligen Sophia von Minden - der Eisheiligen Kalte Sophie. Foto: DVM/Amtage
Die Goldene Tafel kehrte als Replik 2002 in den Dom zu Minden zurück. Das Foto zeigt den Flügelaltar mit dem neuen Unterbau und der Reliquie der Heiligen Sophia von Minden – der Eisheiligen Kalte Sophie. Foto: DVM/Amtage

Die Goldene Tafel prägte über mehr als viereinhalb Jahrhunderte das geistliche, liturgische und künstlerische Zentrum des Mindener Doms. Ganz in Gold und Blau gefasst, erhob sich der monumentale Hochaltar im Hochchor als sichtbares Zeichen des Himmlischen Jerusalems. Kaum ein anderes Kunstwerk war so eng mit der Identität des Doms verbunden – und kaum eines erlebte einen vergleichbaren Weg von Blüte, Verlust, Zerstreuung und bewusster Rückgewinnung.

Mit der Wiederaufstellung der Replik im Jahr 2002, die finanziell durch den überkonfessionellen Dombau-Verein Minden (DVM) ermöglicht wurde, und der jüngsten Neugestaltung des Hochchores, einschließlich des neuen Unterbaus mit dem Schrein der Heiligen Sophia, ist die Goldene Tafel heute wieder als das erfahrbar, was sie über Jahrhunderte war: Herzstück des Raumes und theologischer Mittelpunkt des Doms.

Ein Altar zwischen Romanik und Gotik

Die Geschichte der Goldenen Tafel beginnt um 1220 mit der Fertigstellung ihrer romanischen Predella. Dieser aus Eichen- und Lindenholz des Weserberglandes gefertigte Sockel gleicht einem Reliquienschrein. Vierzig fein gearbeitete Statuetten thematisieren die Marienkrönung – ein Triumphmotiv, das Maria als Himmelskönigin zeigt und zugleich den universalen Anspruch der Kirche visualisiert. Kunsthistorisch markiert diese Predella einen Wendepunkt: Der Altarunterbau wird erstmals selbst zum theologischen Bildträger.

Die Goldene Tafel: Im Zentrum die Marienkrönung, umgeben von einer Schar musizierender Engel. Foto: DVM/Amtage
Die Goldene Tafel: Im Zentrum die Marienkrönung, umgeben von einer Schar musizierender Engel. Foto: DVM/Amtage

Rund zweihundert Jahre später, um 1420, entstand das große Flügelretabel der Hochgotik. Kräftig farbig gefasst, von Gold dominiert, entfaltet es eine komplexe Bildtheologie. Im Zentrum erneut die Marienkrönung, flankiert von den zwölf Aposteln, umgeben von einer Schar musizierender Engel. Die untere Zone verweist auf das irdische Jerusalem und die Hoffnung Israels; aus ihm erwächst – getragen von den Aposteln – die Kirche als neues, himmlisches Jerusalem.

Die Verbindung von romanischer Predella und gotischem Retabel ist kein Zufall, sondern Programm. Sie spiegelt exakt die Bau- und Wirkungsgeschichte des Mindener Doms selbst, dessen Architektur vom bewussten Nebeneinander der Stile geprägt ist.

Reliquien, Bischöfe und das verlorene Zentrum

Über Jahrhunderte war die Goldene Tafel nicht nur ein herausragendes Kunstwerk, sondern auch reliquiales Zentrum des Doms. Es gilt als sicher, dass in ihrem Unterbau die wichtigsten Reliquien des Gotteshauses verwahrt wurden. Neun Mindener Bischöfe fanden vor ihr ihre letzte Ruhestätte – ein deutliches Zeichen ihrer Bedeutung als Ort der Vollendung christlicher Hoffnung.

Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Verlust des Bischofssitzes Minden infolge des Westfälischen Friedens kam es 1656 zur Entfernung der Goldenen Tafel aus dem Hochchor. Zeitgenössisch wie rückblickend wurde dieser Schritt als radikaler Bruch empfunden. Dem Dom wurde seine geistige Mitte genommen; der Hochchor verlor seine inhaltliche Verdichtung.

Zerfall, Verkauf und der Weg nach Berlin

In den folgenden Jahrhunderten führte die Goldene Tafel ein wechselvolles Dasein. Zeitweise im Langhaus des Doms abgestellt, verlor sie ihre liturgische Funktion und war zunehmendem Verfall ausgesetzt.

1909 erwarb schließlich das Bode-Museum in Berlin das Original für 45.000 Reichsmark. Trotz massiven Widerstands aus der Mindener Bürgerschaft nahm der damalige Kirchenvorstand das Angebot an – auch aus Sorge um den Erhalt des stark gefährdeten Kunstwerks.

Das Original der Goldenen Tafel ist im Berliner Bode-Museum ausgestellt. Foto: DVM/Amtage
Das Original der Goldenen Tafel ist im Berliner Bode-Museum ausgestellt. Foto: DVM/Amtage

In Berlin wurde die Goldene Tafel museal gesichert. Mit der umfassenden Sanierung des Bode-Museums und seiner Wiedereröffnung 2006 erhielt sie einen eigenen Präsentationsraum, das sogenannte „Minden-Zimmer“. Dort wird sie bis heute als eines der bedeutendsten Werke deutscher mittelalterlicher Skulptur und Tafelkunst gezeigt. Teilrestaurierungen stabilisierten den Bestand; ein vollständiger Zerfall, wie noch um 1900 befürchtet, konnte abgewendet werden.

Eine kleine Sensation ereignete sich 2013, als eine lange verschollen geglaubte Figur aus dem 13. Jahrhundert – vermutlich Teil der ursprünglichen Predella – in Hildesheim auftauchte und dem Bode-Museum übergeben wurde. Sie ist heute dort ausgestellt und ergänzt die Geschichte der Goldenen Tafel um ein unerwartetes Kapitel.

Die Replik und die bewusste Rückgewinnung des Hochchores

Da eine Rückführung des Originals nach Minden ausgeschlossen war, reifte die Entscheidung, eine hochwertige Replik anzufertigen. Unter maßgeblicher Begleitung des Dombau-Vereins Minden und seines Architekten und Geschäftsführers Werner Rösner († 2002) entstand zwischen 2000 und 2002 eine Nachbildung, die ausschließlich auf der Basis historischer Fotografien gearbeitet werden konnte.

Mit der Wiederaufstellung der Replik zu Pfingsten 2002 wurde ein lange vorbereitetes Raumkonzept vollendet:

  • der Taufstein im Eingangsbereich,
  • der Vierungsaltar mit dem Mindener Kreuz im Zentrum,
  • die Goldene Tafel als Zielpunkt im Hochchor.

Diese Achse macht den christlichen Heilsweg räumlich erfahrbar – von der Taufe über die Begegnung mit Christus bis zur Vollendung im ewigen Leben.

Neuer Unterbau und der Schrein der Heiligen Sophia

Mit der aktuellen Neugestaltung des Hochchores wurde dieses Konzept konsequent weitergeführt. Die Goldene Tafel steht heute auf einem neu geschaffenen Unterbau, in den der Schrein der Heiligen Sophia integriert ist.

Damit knüpft der Hochchor bewusst an seine mittelalterliche Tradition an: Reliquie, Altar und Bildwerk bilden erneut eine Einheit. Die Heilige Sophia – ihr Name bedeutet Weisheit – verweist auf eine der zentralen Tugenden der christlichen Tradition und verbindet den Raum mit der frühen Kirche.

Über der Reliquie erhebt sich die Bildwelt der Marienkrönung, darüber das himmlische Jerusalem – ein bewusst vertikales Glaubensbild, das den Hochchor als Ort der Verdichtung, der Stille und der Aussage neu definiert.

Ein Herz mit zwei Orten

Heute besitzt die Goldene Tafel gewissermaßen zwei Heimaten: als Original im Bode-Museum in Berlin – gesichert, erforscht und museal präsentiert – und als Replik im Mindener Dom – eingebunden in Liturgie, Raum und lebendige Glaubenspraxis.

Gerade diese doppelte Präsenz verleiht ihr besondere Aussagekraft. Sie erzählt von Verlust und Verantwortung, von kulturellem Erbe und bewusster Rückbindung. Mit dem neuen Unterbau und dem Schrein der Heiligen Sophia ist die Goldene Tafel im Mindener Dom mehr denn je das, was sie immer war: nicht bloß ein Kunstwerk, sondern das geistige Herz des Hochchores – und ein starkes Zeichen dafür, dass Geschichte nur dann Zukunft hat, wenn man sie ernst nimmt.

© Text: Hans-Jürgen Amtage