Mindener Kreuz

Das Mindener Kreuz: Sterben heißt: absolutes Neuland betreten. Keiner weiß, wie das Land jenseits des Todes aussieht. Darum fragt Heinrich Heine: „Nur wissen möcht’ ich: wenn ich sterbe, wohin dann unsere Seele geht?“

Obwohl wir Christen davon überzeugt sind, dass Gott uns am Ende unseres Lebens in Empfang nehmen wird, bleibt doch die bittere Erkenntnis: Gott schauen dürfen kostet das Leben. Diese Feststellung enthält eine erschreckende und zugleich beglückende Botschaft: Der Tod ist gleichermaßen Not und Verheißung, Angst und Freude. Von dieser ambivalenten Wirklichkeit sind wir immer umgeben, „mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen“.

Das Mindener Kreuz aus dem frühen 12. Jahrhundert ist Herzstück im Domschatz Minden. Foto: Arnold Weigelt †
Das Mindener Kreuz aus dem frühen 12. Jahrhundert ist Herzstück im Domschatz Minden. Foto: Arnold Weigelt †

Der Tod führt uns in Abgründe, die uns an Gott zweifeln lassen. Wie kann Gott uns dieses unbegreifliche Schicksal zumuten? Wer garantiert uns ein Weiterleben nach dem Tode? Auf diese bohrenden Fragen der Menschen gibt es nur eine Antwort: Das Kreuz Jesu Christi. Dieses schrecklichste aller Schandmale wurde nicht im geheiligten Bezirk, sondern draußen vor der Stadt aufgerichtet – dort, wo die Menschen ausgestoßen waren und ihr tiefstes Elend erfuhren. Aber genau dort, wo man in seiner Verzweiflung selbst Gott aus den Augen verlieren kann, da steht er neben uns. Er steigt zu uns in unseren tiefsten menschlichen Abgrund und richtet hier sein Kreuz auf. In dieser Situation dürfen wir die beglückendste Erfahrung unseres Lebens machen: Im Leben ist nicht nur der Tod, sondern im Tod ist auch das Leben gegenwärtig.

Genau diese Erfahrung will das Mindener Kreuz zum Ausdruck bringen.

Herzstück des Domschatzes Minden

Der Mindener Cruzifixus ist das Herzstück des Domschatzes Minden. Es ist in der Kunstgeschichte so berühmt, dass Besucher aus aller Welt nach Minden kommen, um dieses Kreuz zu betrachten. Nach Auffassung von Fachleuten wurde es in der Bernward-Werkstatt in Hildesheim gefertigt, andere verweisen auf das Kloster Helmarshausen. Für Hildesheim sprechen einige Parallelen zur Bronzetür des dortigen Domes und zum Drachen an dem großen Leuchter des Bischofs Hezilo (1054-1079).

Gewichtiger sind wohl die Argumente derer, die für Helmarshausen plädieren. Sie verweisen auf die in diesem Kloster angewandte Niellotechnik auf Bronze, die von dem begabten Mönch Roger von Helmarshausen (gestorben 11. Februar 1125) bis zur Perfektion entwickelt wurde. Dieser Künstler hatte den Klosterwerkstätten höchstes Ansehen verschafft. Im Paderborner Diözesanmuseum befindet sich ein entsprechend gearbeiteter Tragaltar, der von diesem Mönch erstellt wurde. Da neben der Niellotechnik auch das von ihm verwandte Schachbrettmuster am Lendentuch des Mindener Cruzifix zu finden ist, wird heute überwiegend die Meinung vertreten, dass das kostbare Kreuz in der Kunstwerkstatt Helmarshausen entstanden und zur Weihe des neuen Domes 1071 nach Minden gekommen ist. So gilt als Entstehungsdatum das Jahr 1070. Inzwischen aber gibt es Hinweise, dass das Entstehungsjahr 1120 ist.

Mindener Kreuz eines der ersten Großkreuze der Geschichte

Der Mindener Cruzifixus ist mit einer Höhe von 1,19 Meter eines der ersten Großkreuze der Geschichte. Der Corpus setzt sich aus sechs Teilen zusammen: Oberkörper mit Kopf, Lendenschurz, Arme und Beine. Die Stücke sind nahtlos in einander gefügt. Die Fassung des Kreuzes ist streng romanisch: Die Arme sind waagerecht ausgestreckt, die Füße stehen nebeneinander, das Haupt ist ohne Dornenkrone, die Brust ohne Seitenwunde, die Kopfhaare, die bis auf die Schulter fallen, und der Bart sind sorgfältig gescheitelt. Das Haupt ist leicht gesenkt und dem Betrachter zugeneigt.

Eine Kopie des Mindener Kreuzes hängt im Dom zu Minden. Foto: Hans-Jürgen Amtage
Eine Kopie des Mindener Kreuzes hängt im Dom zu Minden. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Ursprünglich war der Corpus ganz vergoldet; große Teile der Vergoldung sind bis heute gut erhalten. Das geknotete Lendentuch und die Augen sind aus Niello, einer Mischung aus Silber, Kupfer, Blei, Schwefel und Borax. Die angenagelten Füße stehen auf einem geflügelten Drachen, dem Symbol des Bösen, der durch den Kreuzestod Jesu Christi besiegt ist. Der etwas jüngere Kreuzesbalken trägt über dem Haupt die Inschrift: HIC NAZARENUS REX IUDEORUM – „dieser ist der Nazarener, der König der Juden“. Auf dem Querbalken stehen um die Arme herum die Worte: HOC REPARAT XPC DEUS IN LIGNO CRUCIFIXUS QUOD DESTRUXIT ADAM DECEPTUS IN ARBORE QUADAM – „das hat Christus, der am Holze gekreuzigte Gott, wiederhergestellt, was Adam, der von dem Baum getäuscht war, zerstört hat“. So wurde der Baum des Todes zu einem Baum des Lebens.

Die Bedeutung der am Kreuzesbalken angenieteten Astansätze ist bis heute ungeklärt. Die frühere Vermutung, es handele sich um Reste von Stangen, an denen die Beter sich bei der Kreuzverehrung hochziehen konnten, ist wohl nicht zu halten.

Im Hinterkopf Jesu befindet sich eine Öffnung, die möglicherweise auf einen Reliquienbehälter hinweisen könnte. Ob sich darin eine Reliquie des Kreuzes Jesu befunden hat, ist nicht nachgewiesen.

Der Ausdruck des Gekreuzigten ist vom Tode gezeichnet. Kein Schmerz dieser schrecklichen Hinrichtungsart sollte ihm erspart bleiben. Das fliehende Kinn, die heruntergezogenen Mundwinkel und der ausgemergelte Brustkorb zeigen die Leiden dieses Sterbenden, der sich damit in die Tiefen menschlicher Not begibt. Und dennoch findet sich in diesem Gesicht kein Zug der Verzweiflung, kein Hinweis auf das absolute Ende, keine Angst vor dem Nichts. Der Ausdruck des Gekreuzigten ist voller Würde und Hoheit. Wer das Gesicht lange und aufmerksam anschaut, entdeckt in ihm Leben. Der Tote lebt! Mit dem ein wenig geneigten Haupt will er dem Betrachter sagen: Auch du wirst leben.

Das Besondere des Mindener Kreuzes liegt in der Beschreibung des Augenblickes zwischen Tod und Leben. Es verkündigt eine Hoffnung, die die Leere eines Lebens ohne Gott überwindet und zunichte macht. „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“, eines Tages, der nie mehr zuende geht. Der Betrachter dieses Kreuzes, vor allem der Angsterfüllte, der Verzweifelte oder Suchende, sollte aus diesem Blick Jesu Trost schöpfen. In ihm steckt die Verheißung: Im Tode werden die Augen nicht für immer geschlossen, sondern für immer geöffnet.

Das Mindener Kreuz gehörte zu den bedeutendsten Leihgaben der namhaften Mittelalterausstellung „Canossa 1077 – Erschütterung der Welt“ im Jahr 2006 in Paderborn.

* Der Text basiert auf der Beschreibung des Mindener Kreuzes im Buch „Der Mindener Domschatz – Zeugnisse christlicher Kunst“ von Propst i. R. Paul Jakobi und wurde von Hans-Jürgen Amtage bearbeitet und aktualisiert.